Die sommerlichen Temperaturen sind zurück. Auch wenn extreme Hitzetage bislang weitgehend ausbleiben, belasten anhaltende Wärmeperioden und warme Nächte dennoch viele – insbesondere jene Menschen, die oft im Verborgenen den Alltag pflegebedürftiger Angehöriger bewältigen: pflegende Angehörige und 24-Stunden-Betreuerinnen. Am Department of Health Sciences des IMC Krems widmet sich ein interdisziplinäres Forschungsteam rund um Pflegewissenschafterin Jette Lange und Soziologin Jacqueline Ludwig in einem FFG-geförderten Projekt dem Thema „Klimawandel und Gesundheit im Kontext von Laienpflege“. Ziel ist es, diese oft übersehene, aber systemrelevante Gruppe mit konkreten, alltagstauglichen Maßnahmen besser auf Hitzewellen vorzubereiten – unter anderem mit Hilfe einer App.
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Hitzebelastung in der häuslichen Pflege

App gegen Überlastung: Forschung mit Praxisbezug
„Pflegende Angehörige und 24-Stunden-Betreuende haben keine Zeit zu verlieren – darum verschwenden wir sie auch nicht“, bringt es Jette Lange auf den Punkt. Gemeinsam mit Jacqueline Ludwig analysiert sie, wie informell Pflegende auf Hitze reagieren, welche Informationswege sie nutzen und was sie für sich selbst brauchen. Ihre Forschung zeigt: Die eigene Gesundheit rückt bei pflegenden Personen häufig ganz ans Ende der Prioritätenliste. Der Fokus liegt meist ausschließlich auf der zu pflegenden Person – egal ob es sich um ein Familienmitglied handelt oder um professionelle 24-Stunden-Betreuung.
Eine von People X entwickelte App – aktuell im Testbetrieb – soll genau hier ansetzen: Mit gezielten Push-Nachrichten bei Hitzewarnungen, Checklisten und Tipps zur Selbstfürsorge vermittelt sie in mehreren Sprachen praxisrelevantes Wissen zur Pflege bei Extremtemperaturen.
Hitze als unterschätztes Risiko – für Pflegende und Pflegebedürftige
Die Dringlichkeit ist hoch: Allein 2023 starben in Europa fast 48.000 Menschen hitzebedingt. Gerade ältere, mehrfach erkrankte Menschen oder Personen mit Long COVID sind besonders gefährdet. Kommen Mobilitätseinschränkungen oder unzureichende bauliche Bedingungen hinzu, wird die häusliche Pflege im Sommer zur physischen und psychischen Belastungsprobe – für Betreute und Betreuende.
Die Interviews im Projekt zeigen, dass grundlegende Schutzmaßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Aufenthalte im Schatten oder Ruhephasen eher intuitiv angewendet werden, als dass eine bewusste und vorausschauende Vorbereitung erfolgt. Gerade in stressigen Situationen können sie dadurch leicht übersehen oder vergessen werden und dies sowohl im Umgang mit anderen als auch beim eigenen Schutz. Die App soll hier als Orientierung und Stütze dienen – schnell, mehrsprachig und ohne zusätzlichen Aufwand für die Nutzer*innen. „Digitale Angebote müssen dort greifen, wo Menschen ohnehin bereits ihr Smartphone nutzen – ohne neue Hürden zu schaffen“, sagt Ludwig.
Forschung mit gesellschaftlichem Anspruch
Die wissenschaftliche Tiefe des Projekts fußt auf der kritischen Pflegewissenschaft. Jette Lange, die diesen Ansatz auch in ihrer Lehre am IMC Krems vertritt, beleuchtet die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Pflege. „Pflege ist nicht nur eine praktische Tätigkeit – sie ist auch politisch. Wer leistet sie, unter welchen Bedingungen, mit welcher Anerkennung?“, so Lange.
Besonderes Augenmerk legt das Projektteam auch auf 24-Stunden-Betreuerinnen aus dem Ausland, die oft isoliert arbeiten und gesundheitliche Fragen lieber mit Landsleuten klären als mit heimischen Stellen. Hier eröffnen die Forschungsergebnisse neue Perspektiven jenseits gängiger Opfer-Narrative – viele der Befragten sehen sich als selbstbewusste Akteurinnen in einer verantwortungsvollen Rolle.
Ausgezeichnete Nachwuchsforschung
Auch der wissenschaftliche Nachwuchs beschäftigt sich am IMC Krems mit dem Thema Hitze und Pflege. Die Masterarbeit von Eva Lücke, Absolventin des Studiengangs Angewandte Gesundheitswissenschaften, wurde kürzlich mit dem Young Scientist Award ausgezeichnet. Ihre Forschung beleuchtet die sozialen Folgen von Hitze für ältere Menschen im urbanen Raum – und wie gezielte Maßnahmen gegen Isolation wirken können. Ihre Ergebnisse ergänzen das FFG-Projekt um eine wichtige gesellschaftliche Perspektive.
Fazit: Pflege braucht mehr als Dankbarkeit – sie braucht Vorbereitung
Mit dem Projekt „Klimawandel und Gesundheit im Kontext der Laienpflege“ leistet das Department of Health Sciences des IMC Krems Pionierarbeit in einem bislang kaum erforschten Feld. Die Kombination aus angewandter Forschung, kritischer Theorie und digitaler Innovation zeigt: Pflege ist ein Zukunftsthema – besonders in Zeiten des Klimawandels.
Die App ist noch in der Entwicklung, doch der Handlungsbedarf ist längst da. Nun braucht es starke Partner aus Sozialversicherung, Katastrophenschutz und Politik, um digitale Lösungen wie „KUG“ breitenwirksam zu verankern. Denn eines ist klar: Der größte Pflegedienst Österreichs hat mehr verdient als Applaus - sie brauchen konkrete Unterstützung. Gerade dann, wenn es heiß wird.