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Essstörungen im Alter: Übersehen, unterschätzt, unterbehandelt

Neue IMC-Studie zeigt blinde Flecken in der Versorgung älterer Menschen mit Essstörungen

Essstörungen gelten noch immer als Erkrankungen junger Menschen. Dass diese Annahme fatale Folgen für ältere Patient*innen haben kann, zeigt eine aktuelle Publikation aus dem Health Department der IMC Hochschule für Angewandte Wissenschaften Krems. Die Studie „Overlooked and Undertreated: Gendered Ageism in Primary Care Management of Eating Disorders“ wurde kürzlich im International Journal for Equity in Health (Springer Nature) veröffentlicht – einem international renommierten Q1-Journal im Bereich Public Health.

Essstörungen im höheren Lebensalter werden in der hausärztlichen Versorgung häufig übersehen – eine neue Studie des IMC Krems zeigt strukturelle Defizite und blinde Flecken.

Die Forschung basiert auf der Masterarbeit von Theresa Kohestani im Studiengang Angewandte Gesundheitswissenschaften und wurde gemeinsam mit Hanna Köttl, Studiengangsleiterin, sowie Pamela Otto publiziert. Im Fokus der Studie steht die Frage, wie Essstörungen bei Menschen ab 65 Jahren in der hausärztlichen Versorgung wahrgenommen, diagnostiziert und behandelt werden – und welche Rolle alters- und geschlechtsspezifische Stereotype dabei spielen.

Essstörungen im Alter bleiben häufig unerkannt

Die Ergebnisse der qualitativen Interviews zeichnen ein klares Bild: Essstörungen im höheren Lebensalter werden häufig übersehen oder falsch eingeordnet. Viele der befragten österreichischen Hausärzt*innen führten Gewichtsverlust oder Appetitveränderungen primär auf altersbedingte Prozesse oder körperliche Erkrankungen zurück. Psychische Ursachen wie Anorexia nervosa wurden selten in Betracht gezogen.
Hinzu kommen geschlechtsspezifische Zuschreibungen: Ältere Frauen gelten vielfach als weniger am äußeren Erscheinungsbild interessiert, während Essstörungen bei älteren Männern nahezu unsichtbar bleiben. Erschwert wird die Diagnostik zudem durch Multimorbidität, das Fehlen validierter Screening-Tools für ältere Menschen sowie eine starke Fokussierung auf somatische statt psychiatrische Erklärungsmodelle.

Dringender Handlungsbedarf in der Primärversorgung

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Essstörungen im höheren Lebensalter in der Primärversorgung möglicherweise nicht immer erkannt oder angemessen adressiert werden“, erklärt Hanna Köttl, Studiengangsleiterin für Angewandte Gesundheitswissenschaften an der IMC Krems.
Sie betont jedoch: „Da es sich um qualitative Interviewdaten handelt und sowohl die Stichprobengröße als auch ein möglicher Selektionsbias die Aussagekraft einschränken, lassen sich die Ergebnisse nicht generalisieren. Dennoch verweisen sie auf strukturelle Herausforderungen, die dringend weiter untersucht werden sollten.“
„Ageistische und geschlechtsspezifische Annahmen beeinflussen klinische Entscheidungen stärker, als vielen bewusst ist. Umso wichtiger sind alters- und gendersensible Screening-Instrumente, klare Behandlungspfade und gezielte Fortbildungen für Hausärzt*innen.“

Die Autorinnen plädieren für eine stärkere Sensibilisierung im Gesundheitswesen sowie für Public-Health-Maßnahmen, die Essstörungen im Alter sichtbar machen. Nur so könne die Versorgung einer bislang stark unterversorgten Bevölkerungsgruppe nachhaltig verbessert werden.

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