Story

Zwischen Kreißsaal und Hörsaal

Internationaler Hebammentag: Ein Beruf mit Zukunft und Verantwortung

Nicole Brandner ist Hebamme und Lehrende am IMC Krems. Anlässlich des internationalen Hebammentages haben wir mit ihr darüber gesprochen, was sie antreibt, welche Werte sie ihren Studierenden vermitteln möchte und welche Entwicklungen die Branche in den kommenden Jahren dringend braucht.
 

Nicole Brandner vor dem IMC Insektenhotel
Nicole Brander sieht es als ihre Aufgabe, den Studierenden Vertrauen in die eigene fachliche Kompetenz, die Etablierung einer eigenen Berufs-Identität und unaufhörliches Reflektieren der eigenen Arbeit mitzugeben.

Zurück ans IMC Krems

Nach dem Abschluss ihrer Hebammenausbildung am IMC Krems im Jahr 2019 sammelte Nicole zunächst umfassende Praxiserfahrung: Sie arbeitete rund ein Jahr im St. Josef Krankenhaus in Wien sowie anschließend etwa zwei Jahre im Universitätsklinikum Tulln. Seit 2022 ist sie als Familienhebamme bei der Stadt Wien tätig. Im Fokus ihrer Arbeit steht die Prävention – etwa durch die Betreuung von Risikoschwangeren sowie die regelmäßige Durchführung von Geburtsvorbereitungskursen.
2024 kehrte Nicole an ihre Ausbildungsstätte zurück und ist seither als Lehrende am IMC Krems tätig. Heute verbindet sie Praxis und Lehre: Zwei Tage pro Woche arbeitet sie als Familienhebamme, drei Tage ist sie am Hochschulcampus im Einsatz.

Eine sinnstiftende Aufgabe

Bereits in ihrer Schulzeit war Nicole klar, dass sie einen Beruf ergreifen möchte, der Sinn stiftet. Die Tätigkeit als Hebamme erschien ihr naheliegend, da sie Frauen in besonderen Lebenssituationen – insbesondere rund um Schwangerschaft und Geburt – begleiten wollte. Das volle Ausmaß an Verantwortung, dass dieser Beruf mit sich bringt, wurde ihr jedoch erst im Laufe ihrer Ausbildung und praktischen Tätigkeit bewusst.

Welche Eigenschaften es braucht

Aus Nicoles Sicht sollten junge Menschen, die sich für diesen Beruf interessieren, vor allem Verantwortungsbewusstsein, Geduld, Freude an der Arbeit mit Menschen, eine ordentliche Portion Feminismus und ein offenes Herz mitbringen.

Werte und Haltungen weitergeben

Der Schritt in die Lehre war für Nicole von zwei zentralen Motiven geprägt: dem Wunsch nach neuen Herausforderungen und dem Bedürfnis Studierenden Werte und Haltungen zu vermitteln, die ihr in der Praxis als unabdingbar erscheinen. Nicole sieht es als ihre Aufgabe, den Studierenden Vertrauen in die eigene fachliche Kompetenz, die Etablierung einer eigenen Berufs-Identität und unaufhörliches Reflektieren der eigenen Arbeit mitzugeben.

Masterarbeit mit gesellschaftlicher Relevanz

Wie sehr ihr ein verantwortungsvoller und aufmerksamer Umgang mit Frauen am Herzen liegt, zeigt sich auch in ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Sexualisierte Kriegsgewalt gegen Frauen und die Folgen – mit Fokus auf Geburtshilfe“. Inspiriert wurde sie unter anderem durch den Podcast „Alles gesagt“, in dem die Gynäkologin Monika Hauser über ihre Arbeit in Bosnien in den frühen 1990er-Jahren berichtet.
Vor dem Hintergrund aktueller Konflikte in und rund um Europa widmet sich Nicole der Frage, wie potenziell traumatisierte Frauen im Kreißsaal bestmöglich betreut werden können. Hebammen müssen in der Lage sein, sensibel auf traumatische Erfahrungen zu reagieren, mögliche Trigger zu erkennen und angemessen zu handeln. Dafür braucht es sowohl spezifische Schulungen als auch geeignete strukturelle Rahmenbedingungen.

Internationaler Hebammentag

Für Nicole ist der internationale Hebammentag eine wichtige Gelegenheit, die Bedeutung ihres Berufs sichtbar zu machen und gleichzeitig auf bestehende Herausforderungen hinzuweisen. Hebammen verfügen über eine fundierte Ausbildung, die ein breites Spektrum an Arbeitsfeldern abdeckt – von der Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett bis zum ersten Geburtstag des Kindes. In der Praxis konzentriert sich ihre Tätigkeit aber vor allem auf die Kernbereiche Geburt und (außerklinisches) Wochenbett. Initiativen wie der elektronische Eltern-Kind-Pass hätten neue Chancen für eine für alle in Österreich lebenden Frauen zugängliche Hebammenarbeit aufgetan, derzeit wird diese Entwicklung jedoch durch diverse Limitationen verhindert.

Für die Zukunft formuliert Nicole einen klaren Wunsch: „Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft den (präventiven) Wert einer umfassenden Hebammenbegleitung für Frauen und Familien erkennt und dass wir Hebammen unsere Expertise in allen Arbeitsfeldern ausüben können.“

Hebammen